Experiment Polyamorie Teil 1

Herzlich Willkommen zu einer voyeuristischen, aufklärenden, jede Dämlichkeit und Idiotie sowie Großartigkeiten und Normalitäten abbildenden Experimentbeschreibung. In Part 1 geht es um die Parameter, die Erwartungen und Teilnehmer*Innen des Experiments. Die Beschreibung ist nicht wissenschaftlich, sondern literarisch und bildet meine Erfahrungskurve ab.

BEGINN

Jajaja, die Versuchsreihe ist beendet und nun ist es Zeit, das Experiment „Polyamorie“ auszuwerten.
Wie bereits in anderen Blogtexten beschrieben, tat ich mich stets schwer mit dem ausgewogenen Führen einer sexuellen, eheähnlichen Beziehung. Nach dem klassischen seriell monogamen Vorgehen meiner Generationsgenoss*Innen bin auch ich durch mehrere solcher Episoden geschlittert, ohne Nennenswertes an geistiger, seelischer und emotionaler Entwicklung durchzumachen.

Durch Zufall entstand dann eine Situation in der ich sowohl
a) mit dem Phänomen der Polyamorie in Theorie bereits längere Zeit verbracht hatte
b) die Neugierde auf diese Art des Miteinanders immens groß war
c) ich in einer gemäß meiner eigenen emotionalen Kurve relativ großen Stabilität befindlich war, woraus folgerte, dass ich
d) ein gesundes Selbstwertgefühl hatte und
e) das Angebot an Partnern überdurchschnittlich war.

Was ich von dem Experiment erwartete
1) Entwicklung der Eigenständigkeit als Person
2) Abnahme der Abhängigkeit von den anderen
3) Gesundes Verhältnis zur eigenen Zeit
4) Bewusstwerdung von geistigen, seelischen und emotionalen Themen, die in vergangenen Mono-Beziehungen verdrängt/auf meinen Partner projiziert**** wurden.
5) Entspannung der Ansprüche an die Partner, da nicht mehr ein Partner alles ausgleichen / können / erfüllen muss (naja, siehe Punkt 4)
6) Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Eifersucht
7) Sexuelle Bereicherung und Befriedigung
8) Zunahme der Liebesfähigkeit
9) intensiven Austausch mit den Partnern über Beziehungsformen, Liebe und Sex

****Exkurs: Was ist eigentlich von diesem Herumprojizieren zu halten?*****

Ich war sowieso gerade im Sommer of Love und war voll von, ja was eigentlich? Irgendwie beschwingt und aufgeladen, zum Bersten gefüllt mit Liebe, Sex und noch irgend etwas. Ich knutschte mit einem Mann (M1) aus meiner Vergangenheit, den ich schon immer geil gefunden hatte. Für mich stand in meiner Situation fest, dass ich ihn informieren musste, wie es um meinen Denkprozess zu Monogamie und Sex und Partnerschaft stand. Da er selbst gerade aus einer Beziehung kam und mit dem Thema Monogamie und Sex aus eigenen Gründen beschäftigt war, traf sich das ganz gut. Er fragte auch, wie ich das meinte, ob nur ich dürfte und er nicht, oder wie. Kurz war ich versucht zu sagen, ja, genau, nur ich, nicht du. Hab ich dann aber nicht. Er erklärte, dass er damit gut zurecht käme, solange ich ihm nicht von den anderen erzählen würde. Selbst, so sagte er, würde die Option wohl nicht so nutzen, da er mit mir „voll ausgelastet“ sei. Zu diesem Zeitpunkt war mein Entschluss zum Experiment noch nicht auf einer praktischen, sondern nur auf einer theoretischen Ebene.

Der Kindsvater (M2) und ich hatten uns wieder angenähert. Nach einigem Gekuschel und viel Schiss schliefen wir tatsächlich miteinander und empfanden es beide als Bereicherung. Er sprach den Punkt Polyamorie an. Wir hatten ja bereits in unserer Zeit als monogames Paar beschlossen, uns zu öffnen, was allerdings aus vielerlei Gründen, unter anderem meiner Weigerung, mir Spaß und Sex zu gönnen, scheiterte. Auch er hatte sich, so erzählte er, mit Polyamourie beschäftigt. Als wir da lagen, nackt, Arm in Arm, erzählte er von seiner Vision. Wir als Paar, dass sich lässt, zusammen nach eigenen Regeln Familie lebt und unsere Partner*Innen, die in unserem Kosmos mitatmen und wiederum ihre Partner*Innen haben. Und zum Schluss ist die Welt ein einziger, sich liebender Ort, alle schenken sich Zuneigung und Aufmerksamkeit. Er bot mir an, diese seine Vision mit ihm in die Praxis umzusetzen.
Ich empfand diese Vision als unglaublich schön. Da ich sein Talent für Abstraktionen aber bereits seit vielen Jahren kenne, und weiß, dass sein Ego oft an der Realität zerschellt, kam ich gleich ins Konkrete. Ich erzählte von M1, unserer Knutscherei. Die beiden kennen sich noch aus Jugendzeiten. Uh, das ist ein schöner Mann, sagte er. Ich selbst kann mich erinnern, dass die kleineren Jungs damals immer sehr von M1 angezogen waren. Aus M2 Blicken sprach eine Mischung aus der Erinnerung an diese Zeit, als auch er M1 angehimmelt hatte und der nebulösen Angelegenheit, dass M1 nun eine Rolle in meinem Leben spielte. Ich fühlte mich über alles Gefühle von M2 erhaben. Ich spürte nur, wie mich zwei Männer begehrten und fand das großartig.
Und dann traten kurz M2s Egozüge zum Vorschein. Du musst ja nicht noch eine Affäre anfangen, sagte er zu mir. Rückblickend hätte ich an diesem Punkt in zweierlei Hinsicht* stutzig werden müssen. Für mich war M1 keine Affäre, sondern ein Mensch, den ich ernsthaft gern kennen lernen und in meinem Leben behalten wollte, jedoch nicht so vereinnahmend, wie ich es in der Vergangenheit mit Menschen gemacht hatte (so à la Freund oder Feind). Ich erklärte also diesen Punkt M2. Er wollte dennoch. Historisch gesehen startete hier das Experiment Polyamorie in der Praxis. Das war so Mitte September 2016.

*1) Ich war nicht auf Augenhöhe mit M2, 2)M2 war nicht in der Lage zu verbalisieren, dass er für mich der große Typ sein wollte und er Angst hatte, nicht Nummer 1 zu sein.

Okay. Zuletzt sprach ich mit dem dritten Mann (M3), der bereits einige Monate in meinem Leben war und darin unglaublichen Eindruck hinterließ. Wir hatten unsere Affäre immer mal wieder beendet und immer wieder angefangen, weil die Anziehungskraft zwischen uns immens war. Das Kennenlernen von M1 fiel in eine unserer Off-Zeiten. Kurz darauf trafen wir uns aber wieder, zufällig, wie immer. Ich hatte ihm bereits vorher in einem Telefonat von meiner Situation und dem Experiment erzählt. Als wir uns küssten sagte er:
Du bist doch jetzt in festen Händen, und außerdem M2, geht das überhaupt? Ja, ich habe ihnen schon von dir berichtet, habe ich geantwortet. Da war M3 aufgebracht. Völlig zu recht, denn ich hatte unsere Abmachung gebrochen, niemandem von dieser Beziehung zu erzählen. Aber er fand das Experiment spannend und schien nicht abgeschreckt durch den Faktor mehrerer Sexualpartner. Im Gegenteil, er erwies sich von allen drei Experimentpartnern als der Gesprächsfreudigste zu diesem Thema.

So. Für einen ersten Teil reichts. Sehr viel Text. Gute Nacht und schlafet fein.