Kompliziert oder unkompliziert oder wie jetzt

Es war einmal eine Frau, die fragte sich schon ihr ganzes Leben, was und wer sie sei und ob das überhaupt konstant so festzustellen wäre. Und da war ein Mann, der sich das Gleiche fragte. Die beiden trafen sich, weil sie nur acht Kilometer auseinander wohnten und die gleichen Freunde hatten, verloren sich wieder aus den Augen, sie zog weit weg, er nicht, sie trafen sich wieder, fielen einander betrunken in die Arme, gingen wieder auseinander, soffen eines Jahres wieder gemeinsam, zeugten ein Kind, er zog zu ihr, bekam einen tollen Job und sie heirateten. Damit war alles geklärt, die Gesellschaft war glücklich, denn alle Beteiligten fügten sich in ihr Schicksal, die Normvorstellung einer monogamen Beziehung war erreicht und so lebten sie bis ans Ende ihrer Tage.

So hätte es sein können. Blärch.

Nur der letzte Satz der Story ist mega-erlogen. Denn so war es nicht (geheiratet, toller Job und Kind bekommen stimmt aber). So war es in echt:

Er zog zu ihr und nach kürzester Zeit gingen sie sich voll auf den Keks, weil sie sich mit Nähe erdrückten. Sie hielten das vier Jahre aus und wurden immer unglücklicher. Aber sie versuchten sich gegenseitig ganz, ganz doll glücklich zu machen, denn in einer konservativ-monogamen Beziehung mit einem guten Schuss Blödheit tut man so etwas.

Sie sagte: Schatz, bitte, geh aus und amüsiere dich! So lernst du neue Menschen kennen.
Er aber blieb zu Hause, denn ihn deuchte, dass er sein Weib ob ihres stets griesgrämig -traurigen Wesens nicht allein lassen sollte.
Sie wurde immer griesgrämiger und trauriger, denn sein Rumgehänge bei ihr und dass er sich keine Freundschaften suchen wollte, widerte sie an.

Er sagte: Schatz, bitte, tu doch etwas für dich!
Sie aber tat das nicht, denn sie wollte nicht weggehen, damit er endlich einmal ausgehen könnte.
Er aber wurde immer miesepetriger, weil er zusehen musste, wie sie immer trauriger wurde, mangels außerhäusiger Abenteuer.

Als die Wohnung über ihnen frei wurde, bat sie ihn, auszuziehen. Sie hatte eigentlich nie mit jemandem zusammenziehen wollen, das fühlte sich so eng an. Außerdem schmutzte er, räumte nicht auf und kümmerte sich nur ungenügend um das gemeinsame Kind. Sie wollte, dass er auszog, damit sie beide Raum füreinander hatten, sie liebte ihn doch.
Er sagte nein. Sie sollte doch sehen, wie er sich veränderte, ihr zuliebe! Er liebte sie doch.

So standen sie da und nervten sich unglaublich. Und je mehr sie sich nervten, desto gräßlicher wurde der Sex. Irgendwann ließen sie das bleiben. Aber sie wollten doch, dass es dem anderen gut ginge! So sagte sie eines Tages voller Furcht vor seiner Reaktion:
Bitte, wollen wir wir eine Abmachung treffen? Lass uns gegenseitig erlauben, mit anderen in die Kiste zu springen, denn ich habe das Gefühl, dass wir das brauchen.
Zu ihrer Überraschung sagte er ja.

Aber das Korsett schnürte und klemmte. Sie redeten aneinander vorbei. Sie wollte die Klarheit, die Annäherung durch Distanz. Er wollte sich nicht entscheiden und schaffte den Absprung zu sich selbst nicht. Die zwei Klöße. Mitleid kann man mit ihnen haben, nicht? Brauchen wir aber nicht, denn sie taten sich selbst schon so leid. Sie spürte, dass sie in diesem Rahmen nicht sie war, aber sie kam nicht raus, kam einfach nicht raus zu sich. Er wurde bitter, denn auch er kam nicht zu sich, nicht zu sich hin.

Und dann, PENG! Eines Abends warf sie ihn ohne Vorwarnung aus der Wohnung, der Kokon explodierte. Er fluchte und wütete, warum tat sie ihm das an?
Sie fühlte die Erleichterung. Stürzte sich in Liebesabenteuer, bekam ebenfalls einen tollen Job und blühte auf.

Das nächste Kapitel ist schwer zu beschreiben. Nun gut, wohlan, auf auf!
Sie beschlossen, dass sie sich weiterhin gemeinsam um das Kind kümmern wollte. Jeder sollte eine halbe Woche mit Kind verbringen dürfen. Wider Erwarten konnten sie das sehr gut. Wenn sie sich beim Vorbeibringen des Kindes trafen, benahmen sie sich anständig und sie behielten auch in Abwesenheit des anderen Elternteils schreckliche Geschichten über den anderen für sich.
Ein Jahr verging. Er rief sie an. Ich habe eine Wohnung gefunden, die liegt gegenüber von deiner. Ist es okay, wenn…
Ja, hat sie gesagt. Sie dachte an das Kind, wie nett es wäre, wenn beide Eltern in der gleichen Straße wohnten.

Sie hat ihn eingeladen. Komm doch Mensch-ärger-dich-nicht spielen. Er kam.
Sie haben nur gespielt und über Belangloses gesprochen. Es war ein schöner Abend. Zum Abschied haben sie sich umarmt.

An ihrem Geburtstag hat er ihr eine Schachtel Brombeeren mitgebracht. Selbst gepflückt.
Am Abend vor seinem Geburtstag haben sie auf seinem Balkon Absinth getrunken und das erste Mal über das Scheitern des Zusammenlebens gesprochen und was sie alles verletzt hat. Da haben sie beide geweint und sich an den Händen gehalten.

Manchmal blieb sie bei ihm zum Abendbrot, manchmal er bei ihr. Und eines Abends sagte das Kind: Komm kuscheln! Und er sagte: leg dich doch dazu. Und da lagen sie zu dritt im Bett, mit klopfenden Herzen, eine Familie.

Und jetzt, wie geht es weiter, wie, wie, wie?
Denn sie will nicht die erstickende, erdrückende Kleinfamilie mit den ganzen Auflagen und er will das doch auch nicht. In einem romantischen Moment am See mit einem ihrer Bettgefährten sagte eben dieser: Ich will die Sicherheit, einen Menschen zu dem ich kommen kann, wo es sicher ist. Aber ich will auch das Abenteuer, die Gischt des Verliebtseins, das Funkeln, den Glanz.
Und sie dachte, genau das will ich auch und noch mehr. Aber will ich das immer? Was ist, wenn ich mich wieder verändere, ich bin doch keinen Tag die Gleiche?