Die Erziehung der Gefühle I

Ja, was soll man machen.
Da würgt einen das Thema Beziehungen das ganze kurze Leben schon und man ahnt als Leidträgerin, dass sich das doch auf die Lebenszufriedenheit auswirkt. Was haben wir nicht alles für Herausforderungen zu bestehen.
Die meisten meiner Altersgenossinnen und Genossen sind von alleinerziehenden Müttern großgezogen worden. Meine eigene (alleinerziehende) Mutter überlieferte mir in einer schweren Phase meiner Schwangerschaft den schicksalsträchtigen Satz, den ich als Stöpsel losgelassen hatte:

„Ich habe keine Idee, was ein Vater in einer Familie macht.“

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich trotz Neugierde nie auch nur einen jungen, kinderlosen Mann gefragt habe, wie er sich in der Vaterrolle sieht. Alles, was ich an Eindrücken von Männern meines Alters gewann, war eine unglaubliche Ablehnung in Bezug auf Kinder. Kinder waren ein „bäh“, ein unvorstellbares Generve und Mühsal. Ich selbst passte auch gut in diese Blase, auf keinen Fall wollte ich jemals Kinder in die Welt setzen. Der Vater meines Kindes war eine Erscheinung von einem anderen Stern, als er verkündete, dass er zwanzig Kinder wolle.

Ich mochte und mag Sex. Das war schon immer ziemlich klar. Erst in der Retrospektive und mit erhöhter Erfahrungsdichte habe ich gemerkt, dass meine absolut fröhliche, ausgelassene und unverklemmte Sexualität eher die Ausnahme als die Regel ist.

Mit dem Eingehen von Beziehungen tat ich mir immer schwer. Es war ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verliebte ich mich gern, andererseits hatte ich, sobald man monogam miteinander ging, ein komisches Gefühl. Auch wenn die Beziehung noch frisch war, habe ich immer überlegt, wie ich da wohl wieder rauskomme. Nach monogamen Maßstäben war ich absolut treu. Aber immer fehlte mir etwas in diesen Beziehungen, oder die Gegenwart des anderen erdrückte mich. Es war so eine lineare Scheiße, die mich kaputt gehen ließ. Die Stufen hießen: sich verlieben, Sex haben, zusammen sein, aufs Zusammenziehen hinarbeiten, zusammenziehen, eine Familie gründen, heiraten, fertig, aus.

Ich war so verkopft und eingeengt, dass ich es bis zu meinem 30. Lebensjahr nicht kapiert habe, was mir Angst machte. Dieses ganze Bild, dem ich mich auslieferte, nagelte mich fest auf eine Opferrolle, die ihr Schicksal nicht selbst gestaltet. Klar, ich wurde cleverer mit der Zeit und lernte mich besser kennen. Aber die große, alles zusammenfügende Erkenntnis fehlte. Ich war doch so eine aufgeklärte, emanzipierte, gut ausgebildete und ehrgeizige, schöne, junge Akademikerin? Es konnte doch gar nicht an mir liegen. Pustekuchen. Nach der Schwangerschaft kam der Totalzusammenbruch.

Meine gefühlte Situation wurde in einer Folge von „Die Anstalt“ ziemlich treffend zusammengefasst. Ich konnte für einen ziemlich gräßlichen Moment sehr klar sehen.

Menschen mag ich gern leiden und ich liebe Gesellschaft. Gleichzeitig brauche ich sehr viel Zeit für mich, zum Prökeln, wie man so schön sagt. Meine Wohnung ist mein Revier, da lasse ich niemanden außer mir nach seinen Bedürfnissen existieren (ein Wunder, dass mein Kind dort auch sein darf). Und obwohl ich wusste, dass ich meinen eigenen Platz brauche, hatte ich in der Vergangenheit immer wieder versucht, das monogame Ideal des gemeinsam wohnenden Pärchens zu produzieren.
Ich hatte mich in meinen vergangenen Beziehungen immer für den Mann aufgegeben, habe nach seinen Bedürfnissen gelebt und mich in den Hintergrund gestellt. Kein Wunder, dass ich kreuzunglücklich in Beziehungen wurde. Dermaßen verbogen wird wahrscheinlich niemand auf dieser Erde glücklich.

Kompliziert oder unkompliziert oder wie jetzt

Es war einmal eine Frau, die fragte sich schon ihr ganzes Leben, was und wer sie sei und ob das überhaupt konstant so festzustellen wäre. Und da war ein Mann, der sich das Gleiche fragte. Die beiden trafen sich, weil sie nur acht Kilometer auseinander wohnten und die gleichen Freunde hatten, verloren sich wieder aus den Augen, sie zog weit weg, er nicht, sie trafen sich wieder, fielen einander betrunken in die Arme, gingen wieder auseinander, soffen eines Jahres wieder gemeinsam, zeugten ein Kind, er zog zu ihr, bekam einen tollen Job und sie heirateten. Damit war alles geklärt, die Gesellschaft war glücklich, denn alle Beteiligten fügten sich in ihr Schicksal, die Normvorstellung einer monogamen Beziehung war erreicht und so lebten sie bis ans Ende ihrer Tage.

So hätte es sein können. Blärch.

Nur der letzte Satz der Story ist mega-erlogen. Denn so war es nicht (geheiratet, toller Job und Kind bekommen stimmt aber). So war es in echt:

Er zog zu ihr und nach kürzester Zeit gingen sie sich voll auf den Keks, weil sie sich mit Nähe erdrückten. Sie hielten das vier Jahre aus und wurden immer unglücklicher. Aber sie versuchten sich gegenseitig ganz, ganz doll glücklich zu machen, denn in einer konservativ-monogamen Beziehung mit einem guten Schuss Blödheit tut man so etwas.

Sie sagte: Schatz, bitte, geh aus und amüsiere dich! So lernst du neue Menschen kennen.
Er aber blieb zu Hause, denn ihn deuchte, dass er sein Weib ob ihres stets griesgrämig -traurigen Wesens nicht allein lassen sollte.
Sie wurde immer griesgrämiger und trauriger, denn sein Rumgehänge bei ihr und dass er sich keine Freundschaften suchen wollte, widerte sie an.

Er sagte: Schatz, bitte, tu doch etwas für dich!
Sie aber tat das nicht, denn sie wollte nicht weggehen, damit er endlich einmal ausgehen könnte.
Er aber wurde immer miesepetriger, weil er zusehen musste, wie sie immer trauriger wurde, mangels außerhäusiger Abenteuer.

Als die Wohnung über ihnen frei wurde, bat sie ihn, auszuziehen. Sie hatte eigentlich nie mit jemandem zusammenziehen wollen, das fühlte sich so eng an. Außerdem schmutzte er, räumte nicht auf und kümmerte sich nur ungenügend um das gemeinsame Kind. Sie wollte, dass er auszog, damit sie beide Raum füreinander hatten, sie liebte ihn doch.
Er sagte nein. Sie sollte doch sehen, wie er sich veränderte, ihr zuliebe! Er liebte sie doch.

So standen sie da und nervten sich unglaublich. Und je mehr sie sich nervten, desto gräßlicher wurde der Sex. Irgendwann ließen sie das bleiben. Aber sie wollten doch, dass es dem anderen gut ginge! So sagte sie eines Tages voller Furcht vor seiner Reaktion:
Bitte, wollen wir wir eine Abmachung treffen? Lass uns gegenseitig erlauben, mit anderen in die Kiste zu springen, denn ich habe das Gefühl, dass wir das brauchen.
Zu ihrer Überraschung sagte er ja.

Aber das Korsett schnürte und klemmte. Sie redeten aneinander vorbei. Sie wollte die Klarheit, die Annäherung durch Distanz. Er wollte sich nicht entscheiden und schaffte den Absprung zu sich selbst nicht. Die zwei Klöße. Mitleid kann man mit ihnen haben, nicht? Brauchen wir aber nicht, denn sie taten sich selbst schon so leid. Sie spürte, dass sie in diesem Rahmen nicht sie war, aber sie kam nicht raus, kam einfach nicht raus zu sich. Er wurde bitter, denn auch er kam nicht zu sich, nicht zu sich hin.

Und dann, PENG! Eines Abends warf sie ihn ohne Vorwarnung aus der Wohnung, der Kokon explodierte. Er fluchte und wütete, warum tat sie ihm das an?
Sie fühlte die Erleichterung. Stürzte sich in Liebesabenteuer, bekam ebenfalls einen tollen Job und blühte auf.

Das nächste Kapitel ist schwer zu beschreiben. Nun gut, wohlan, auf auf!
Sie beschlossen, dass sie sich weiterhin gemeinsam um das Kind kümmern wollte. Jeder sollte eine halbe Woche mit Kind verbringen dürfen. Wider Erwarten konnten sie das sehr gut. Wenn sie sich beim Vorbeibringen des Kindes trafen, benahmen sie sich anständig und sie behielten auch in Abwesenheit des anderen Elternteils schreckliche Geschichten über den anderen für sich.
Ein Jahr verging. Er rief sie an. Ich habe eine Wohnung gefunden, die liegt gegenüber von deiner. Ist es okay, wenn…
Ja, hat sie gesagt. Sie dachte an das Kind, wie nett es wäre, wenn beide Eltern in der gleichen Straße wohnten.

Sie hat ihn eingeladen. Komm doch Mensch-ärger-dich-nicht spielen. Er kam.
Sie haben nur gespielt und über Belangloses gesprochen. Es war ein schöner Abend. Zum Abschied haben sie sich umarmt.

An ihrem Geburtstag hat er ihr eine Schachtel Brombeeren mitgebracht. Selbst gepflückt.
Am Abend vor seinem Geburtstag haben sie auf seinem Balkon Absinth getrunken und das erste Mal über das Scheitern des Zusammenlebens gesprochen und was sie alles verletzt hat. Da haben sie beide geweint und sich an den Händen gehalten.

Manchmal blieb sie bei ihm zum Abendbrot, manchmal er bei ihr. Und eines Abends sagte das Kind: Komm kuscheln! Und er sagte: leg dich doch dazu. Und da lagen sie zu dritt im Bett, mit klopfenden Herzen, eine Familie.

Und jetzt, wie geht es weiter, wie, wie, wie?
Denn sie will nicht die erstickende, erdrückende Kleinfamilie mit den ganzen Auflagen und er will das doch auch nicht. In einem romantischen Moment am See mit einem ihrer Bettgefährten sagte eben dieser: Ich will die Sicherheit, einen Menschen zu dem ich kommen kann, wo es sicher ist. Aber ich will auch das Abenteuer, die Gischt des Verliebtseins, das Funkeln, den Glanz.
Und sie dachte, genau das will ich auch und noch mehr. Aber will ich das immer? Was ist, wenn ich mich wieder verändere, ich bin doch keinen Tag die Gleiche?

Klatsch, Tratsch und Klischees

Verehrtes Publikum,

es ist wieder Zeit für Quark und Stuss.
Ich mag ja gern Männer im Bett. Ja, Frauen auch, aber dafür bin ich zu schüchtern, außerdem hab ich zur Zeit für Männer mehr Talent.
Nach langen seriell monogamen Versuchsreihen, die tatsächlich in einem Fall auch in einer akut getrennten Ehe mündeten, habe ich eins kapiert:
Die Liebe und ich, hm, schwieriges Thema. Geht ja irgendwie fast allen so. Etwas, das uns verbindet:

„Huhu buhu, ich hab Beziehungsunfähigkeit.“
„Ach krass, ich auch, wollen wir poppen?“
„Au ja!“.

Und so weiter und so fort, bis manchmal dieser illustre Punkt passiert wird:

„Au mist, jetzt hab ich mich in dich verliebt.“
„Au ja!“

„Au nein. Du bist ja gar nicht das, was ich wollte. Jetzt find ich dich blöd.“.

Und dann geht das ganze Spiel wieder von vorne los.
Weil das emotional sehr schlaucht, habe ich mir meine aufgebrauchte Psyche mal angeguckt (Taucheranzug mit porösem Gummi) und beschlossen, dass ich meine Bedürftigkeit nach idealisierter Liebe ein wenig zurückschraube und mir einfach was zum Vögeln suche, denn Körperkontakt ist ja was Nettes. Hat nicht lang gedauert und der Kandidat schien sehr geeignet. Ich war begeistert, als er ein Arrangement vorschlug, das mir ziemlich exakt so im Kopf rumschwebte (Kinder aus dem Spiel lassen, keine Erwartungshaltung, auch mal nett quatschen können ohne Vögeln). Klang gut, fand ich gut.

So eine Erleichterung. Geht ja ums Vögeln, dachte ich bei mir, dann sollte das auch möglichst gut sein. Und wenn er mich nervt (verbal, oral, vaginal oder anal), dann sag ich ihm das einfach direkt und nehme nicht wie in einer seriell monogamen Beziehung Rücksicht auf irgendwelche etwaigen Komplexe meines Gegenübers.
Und was passiert? Jetzt fängt er an, mir Liebesgedichte zu schreiben, fürsorglich zu sein und mir die Sterne zeigen zu wollen. Nichts gegen einen Schwang gut gesetzter Komplimente und Aufmerksamkeiten, aber scheiße, nein.

Ponchos und Knödel

In meiner Paraderolle als Berufstätige bin ich auch sonntags tätig. Ohne Sonn- und Feiertagszuschlag, versteht sich ja von selbst. Mit dem Zug fahre ich eine halbe Stunde in eine namentlich nicht näher bezeichnete Großstadt. Durch Umstände stehe ich da auch mal länger am Bahnhof und seit ich aufgehört habe zu rauchen, brauche ich ein neues Idiotenhobby. Also gaffen.
Heute im Angebot: Knödelhose und Ponchofresse. Knödelhose hat einen Haarknoten auf dem Kopf, ist von labbriger Körperform und trägt eine Skinnyjeans mit Hängearsch. Es sieht aus, als hätte dieser Mensch erst in die Hose gekackt und sie dann etwas runtergezogen, als der Inhalt nicht mehr schön warm war. Daneben läuft Ponchofresse. Ponchofresse hat Omas Vorhänge geklaut und sich lose darin eingewickelt. Aber das hat Spuren im Gesicht hinterlassen. Der Vorhang ist so schwer, das Ponchofresses Mundwinkel bis zum Knie runterhängen. Die Augen sind hinter einer doofen Brille versteckt, die Ponchofresse leider gar nicht intellektuell wirken lässt.
Apropos Poncho. Ich habe dank des ärmellosen Überwurfs ein neues Wort aus der Modewelt gelernt: „Statement“. Der Poncho ist ein sogenanntes Statementteil. Aha, hab ich da gedacht, wozu denn? „Leute, ich liebe Omas Vorhänge aus den Siebzigern!“? Das würde ich eher für mich behalten, oder im heißesten Fall schwer Interessierten aus dem intimen Kreis erzählen.

Aber okay: „Bahnhof der Stadt xy, ich Knödelhose, liebe Omas Vorhänge aus den Siebzigern!“.

Es ist mir ein ernstes Rätsel, was Statementteile aussagen sollen. „Pflasterstein auf Bullenschwein, ja, das muss ein Statement sein.“ Nicht subtil, aber anschaulich. Ersetze Pflasterstein durch Poncho und das Ganze ergibt überhaupt keinen Sinn mehr. Oder es ist eine sehr subtile Anspielung auf den eisernen Vorhang. Kein Vergeben, kein Vergessen. Crazy Modewelt.

Buhu buhu

Buhu,buhu. Wir haben das Warten verlernt und gucken nur noch in unsere Smartphones, statt uns gegenseitig auf Bahnhöfen, in Supermärkten und öffentlichen Plätzen durch Dummsabbelei zu belästigen. Ich bin ja so traurig.
Natürlich habe ich an manischen Tagen überhaupt gar kein Problem damit, mit jedem zu reden, ob er will oder nicht. Ich genieße es aber sehr, an den anderen Tagen miesepetrig zu aufdringlichen Zeitgenossen zu sein. Ups. Und es tut mir nicht mal leid, denn: jeder hat mal einen schlechten Tag und das große Karmakarussell gleicht doch letzten Endes alles aus, also warum dann immer nörgeln, wenn es morgen ein anderer für mich macht.

Ich darf diese Anfänger-Hipster-Neoromantik- auf-veganem-Papier-mit-selbstgemachter-Tinte geschriebenen Internetartikel nicht mehr lesen.
Buhu buhu, alle starren auf ihre Smartphones. Ja, soll ich dir mit meinem Mettbrötchenatem Konversation aufdrücken. Vor hundert Jahren benutzten die Leute übrigens zum Nichtreden große Zeitungen. Und ich wette, auch damals gab es schon welche, die den Untergang der sozialen Kommunikation prophezeiten. Mir egal. Ich will meine Ruhe und gönne sie auch den anderen. Buhu. Buhu.